Rinnsale im feuchten Sand, Herbstblätter auf dem Weg, ein Stück Treibholz am Uferrand dümpelnd, verschiedene abblätternde Farbschichten einer alten Mauer, die Falten in meinem Gesicht alles Spuren. Spuren von Zeit und Vergänglichkeit. Wind, Sand, Wasser, so weiches formt hartes, hinterläßt Spuren – Spuren formen uns.
 
Spuren auf unserer Seele sind meist unsichtbar, dennoch trägt jeder seinen Ballast mit sich. Der geübte erkennt aber auch diese Spuren. Spuren von Macht, Gewalt, Terror, Tod, Verwüstung, Spuren von Ohnmacht kennen wir alle, wie gehen wir damit um? Können wir Spuren beseitigen? – Was bleibt zurück? Gedanken zu einem schwierigen Thema.
 
Gerade dann, wenn ich mich durch eine Spur inspirieren lasse, und letztendlich fußt jede künstlerische Arbeit auf einer geistigen oder materiellen Spur, wenn ich die Spur aufnehme, weiterentwickle, ihr neues Leben einhauche, neue Aktualität gebe, dann wir die Spur zur Grundlage eines Neubeginns. Dann kann ich Fremde sowie eigene Spuren verändern, und neuen Sinn geben. Aufbauend auf die Geschichte und die Lebenserfahrungen unzähliger Menschen vor mir, entwickelt eine Spur dann eine Eigendynamik, ein Eigenleben, ohne vielleicht vorher für andere existent, spürbar oder wahrnehmbar gewesen zu sein. Die Struktur einer Spur spricht das innerste des Menschen an, etwas das von Urzeiten weitergegeben wird, C.G. Jung spricht hier vom kollektiven Unbewußten. Es wird dabei die Weite der menschlichen Erfahrung in der ureigenen Geschichte spürbar und wieder zu neuem Leben erweckt. Jeder Mensch hinterläßt Spuren ob er will oder nicht, und jeder Mensch nimmt Spuren von anderen auf. Spuren aufzunehmen ist für mich eine grundlegende Haltung im Leben eines Menschen.

Diese Dynamik setzt sich in der eigenen künstlerischen Arbeit fort und überträgt sich im Idealfall auch auf den Betrachter meiner Arbeit. Er nimmt meine Spuren auf und entwickelt dadurch eine eigene Interpretation meiner künstlerischen Aussage. Er entwickelt meine hinterlassenen Spuren vielleicht sogar in einer Art und Weise die ich nie erwartet, gewollt oder gefühlt habe. Durch meine Arbeit hinterlasse ich Spuren, Spuren die Andere wiederum aufnehmen können, aufnehmen werden. Die Spur setzt sich selbständig, unkontrollierbar und in völliger Freiheit fort.
 
Spuren sind Grundlagen von künstlerischen Arbeiten seit es Menschen gibt. Das Material ist nicht entscheidend, wenn es auch unser heutiges Kunstverständnis es uns oft glauben macht. Entscheidend ist, nicht der finanzielle Wert, entscheidend ist das sich ansprechen lassen von der Spur die im Werk liegt, die Eigendynamik zu erkennen, aufzunehmen und weiterzuentwickeln, eine neue eigene Spur zu hinterlassen. Das ist die Wirkungsweise der Spur. Wenn dann ein anderer Mensch meine Spur aufgreift so beginnt ein neuer Kreislauf, den wir seit Jahrtausenden kennen und der in der Lage ist, unabhängig von Raum und Zeit aufgenommen zu werden. Als Beispiel ist mir das Lächeln einer afrikanischen Maske in Erinnerung geblieben. Sie war vor über 400 Jahren von einem unbekannten Künstler geschnitzt worden, und sie ließ mich 400 Jahre später ebenfalls lächeln. Ich konnte die Freude die der Künstler weitergeben wollte nach so langer Zeit wieder aufnehmen. Spuren sind Relikte aus der Vergangenheit die Zeit und Raum überdauern.
 
Spuren können auch Ablehnung hervorrufen, gerade wenn es um gesellschaftliche Tabuthemen geht. Vielfach kann man Ablehnung bei Gewalt und Tod sichtbar machen. Die Konfrontation mit dem eigenen Leben beinhaltet eine Spur von Tod und Leid. Gerade der Tod ist in unserer Gesellschaft nicht mehr teil des Lebens sondern wird ausgegrenzt, man möchte ihn nicht wahrnehmen.

Im Bereich der Kunst entsteht aus Spuren, Fragmenten etwas völlig Neues, etwas Ganzes. Wenn wir erst einmal die Fährte aufgenommen haben verfolgen wir zielgerichtet den Weg. Jedes Stück Blatt am Wegesrand, jedes alte Stück Holz das im Bachbett tümpelt, jeder Kieselstein hat seine Geschichte und wird von uns geprüft, gefragt, ob er in unser Bild das wir mit der ersten Spur wahrgenommen haben, die wir verfolgen, übereinstimmt und verwendet werden kann, will. Die Spuren denen wir begegnen erzählen uns Geschichten, von denen wir uns treffen lassen können, die wir weiterdenken können und die uns in unserer künstlerischen Arbeit weiter bringen.
 
In Spuren liegt somit eine starke Kraft die wir künstlerisch nutzen und umsetzen müssen.
 
Eine Spur kann sein eine Idee, Gedanke, Gegenstand oder ein Gefühl.
 
Als Künstler ist es unsere Aufgabe uns auf Spurensuche zu machen, nach verschütteten Spuren Ausschau zu halten, nach Spuren zu fahnden. Wir müssen offen sein für Spuren die uns begegnen, sie aufnehmen, tragen, willentlich oder nicht Spuren hinterlassen.
 
In der gedanklichen Auseinandersetzung mit einer Spur kommt Kreativität ins Spiel. Das Wahrgenommene wird mit bekanntem verglichen, die Spur verändert die eigene Wahrnehmung ebenso wie die Wahrnehmung der Spur verändert werden kann. Soweit die Spur für den Betrachter ohne innere Bedeutung ist, läßt dieser die Spur fallen um sich einer neuen interessanteren zuzuwenden.
 
Der Sinn der Spur ist in der Kunst ein ganz wesentlicher. Die Bedeutung der Spuren, die Wahrnehmung einer Spur ist wichtig für die Kreativität eines Künstlers, um seine eigene Arbeit fortzuentwickeln, ebenso aber auch für den Betrachter.

In meiner Buchkunst baue ich meinen Sinneseindruck den ich durch eine Spur erhalte in meinen Text oder meine bildliche Auseinandersetzung mit dem mir gestellten Thema ein. Im Lauf der Reflexion entwickelt sich eine Eigendynamik die oft nicht mehr steuerbar ist. Das heißt die Geschichte, das Buchprojekt erhält eine ganz andere Tiefe als von mir am Beginn meiner Arbeit vorgesehen war.
 
Gerade diese unbewußten Eingriffe hinweg über Raum und Zeit sind es, die mich immer wieder faszinieren. Das Buch als ein Kunstraum ermöglicht es, die Entwicklung einer Spur zu verfolgen. Trotz Planung, Vorarbeit und Zielsicherheit nehmen Spuren Einfluß auf meine künstlerische Arbeit.
 
Die Kunst lebt von den Spuren und deren Aktualisierung im Kunstwerk.
 
G. J. W.